Ich möchte kurz einen Einblick in mein Leben geben. Mit 17 Jahren beschloss ich (ich war immer ein Spätzünder) eine Lehre als Pflegeassistentin zu machen. Man erklärte sich schliesslich bereit, mir das Praktikum in einem Pflegeheim zu ermöglichen. Dort wurde ich gemobbt, solange, bis ich selbst kündigte. Meine Mutter und ich haben weitergesucht, was für mich noch in Frage käme. Eigentlich wollte ich kein Bürogummi wie meine Mutter werden, aber was blieb mir anderes übrig? Die IV riet ebenfalls dazu und so durfte ich dieses Schulungs- und Wohnheim besuchen. Zuerst probeweise, und ich entschied mich daraufhin, diese Chance wahrzunehmen. Auch, wenn ich während des Aufenthaltes diese oft bereuen sollte; heute sage ich, dass es eine lehrreiche Zeit war.
Ich fühlte mich dort zwar immer eingesperrt und etwas bevormundet (da ich bis anhin die ganz normale Schule und auch sonst einen normalen Weg hinter mir hatte) allerdings habe ich dort auch gelernt, mich durchzusetzen und habe einen grossen Teil meines Selbstbewusstsein wiedergefunden. Für mich war das insofern keine einfache Zeit, als dass ich mich ans „betreut sein“ nie gewöhnen konnte. Für mich, die selbstständig erzogen wurde und auch fähig war, Angelegenheiten des Alltags völlig selbstständig zu meistern, war es der reinste Horror, mir anzuhören, wie ich die Dinge zu erledigen hatte. Für schwerer Behinderte mag das in Ordnung sein, wobei ich manchmal auch bei ihnen das Gefühl hatte, dass es zu viel „Bemutterung“ war. Ich stellte auch ziemlich schnell fest, dass man dort in einer eigenen Welt lebte und von draussen (wenn man eben nicht so mobil war wie ich) nicht eben viel mitbekam. Ich musste mich nach 4 Jahren dort auch erst wieder dran gewöhnen, wie sich die Welt wirklich dreht. Die Ausbildung war streng, ich nehme an, sogar strenger als die im öffentlichen KV. Eben, weil wir in der Schule „lebten“ wurde auch ein entsprechender Fleiss gefordert. Ich muss dazu sagen, dass ich mich im Lernen nicht sehr angestrengt habe, umso erstaunter war ich über den guten Lehrabschluss. Vorallem, weil ich selbst das KV nicht gewollt hatte.
Die IV hat mich da, wie viele alle andere auch, einfach in ihr Schema gesteckt, in der Hoffnung, dass ich so vielleicht meinen Lebensunterhalt selber verdienen könnte. Andere Berufe stehen Behinderten in der Schweiz noch viel zu wenig offen. (Oder man wird Korbflechter in einer Behindertenwerkstatt…) Doch, sind solche Einrichtungen noch zeitgemäss? Die IV will sehr viele RentenbezügerInnen in die private Wirtschaft integrieren. Dort sind allerdings nicht nur KV-Leute gefragt, denn es stehen genug Lehrabgänger ohne Behinderung mit dem KV bereit. Warum gibt man Behinderten denn von vornherein nicht die geringste Chance, in einem anderen Beruf Fuss zu fassen? Zu viele Anpassungen nötig? Zu teuer?
Ich hätte auch gerne, was für „normale“ Leute selbstverständlich war, freie Wahl gehabt. Wegen meiner Geburtsbehinderung konnte ich das aber vergessen. Man ist schon durch seine Behinderung behindert, aber die Politik und die Gesellschaft behindern uns noch ein zweites Mal. Wer sagt, dass eine Handrollstuhlfahrerin nicht Floristin werden kann? Wer sagt, dass ein Tetraplegiker nicht Manager sein kann? Unsere Gesellschaft muss da flexibler werden und nicht alle Behinderten in eine Schublade stecken. Was nützt einem ein unmotivierter Mitarbeiter? Es sieht zwar fürs Unternehmen gut aus, aber richtig etwas beisteuern tut er nicht. Kein Wunder, wenn man die Leute in einen Beruf drängt, den sie nie wollten. Es gibt natürlich auch solche wie mich, die mittlerweile gerne im KV-Bereich tätig sind. Trotzdem habe ich mir immer Umgang mit Leuten gewünscht. Das habe ich zwar, aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Mir ist klar, dass mancher ohne Einschränkungen auch damit leben muss, nicht seinen Traumberuf lernen zu können. Aber die Chancen stehen dennoch höher, als wenn noch eine Behinderung dazukommt.
Die Integration UND Inklusion von Leuten mit Handicap muss endlich einen Schritt vorwärts gehen. Es kann nicht sein, dass Leute wegen einer Behinderung ein Leben im Heim verbringen müssen. Jeder Mensch hat das Recht, sein Leben selbst zu bestimmen! Wo dies nicht oder auch nur temporär möglich ist, soll geholfen werden. Es sollte und muss aber darauf hin gearbeitet werden, dass diese Leute ganz oder zu einem grossen Teil selbstständig leben können. Und da gehört auch die Berufswahl dazu!






Heike schrieb:
Schön geschrieben, Domi. Und du hast in allem Recht. Leider ist es einfach noch nicht lange genug her, dass man so etwas erkannt hat (und noch immer wird es kaum umgesetzt). Noch nicht lange ist es her, da hat man Behinderte einfach mal so getötet oder sie als Dorftrottel dargestellt. Das ist noch fest in unserer Kultur verankert. Ich hoffe, was wird besser…
21. Januar 2012 um 11:30 Uhr